Startup-Berlin: Wenn Gründergeist auf Kiez-Seele trifft
Photo: Berlin startup coworking space modern office Kreuzberg urban creative, via wallpaperaccess.com
Es war einmal eine Dönerbutze an der Ecke, eine Stammkneipe mit Holztresen und ein türkischer Gemüsehändler, der jeden beim Namen kannte. Dann kam das Startup. Heute gibt es dort Oat-Milk-Flat-White, einen QR-Code statt einer Speisekarte und eine App, über die man den Tisch reserviert. Das klingt nach Klischee – und ist es manchmal auch. Aber die Geschichte zwischen Berlins Gründerszene und dem Berliner Kiez ist komplizierter, reicher und ehrlicher als das Klischee vermuten lässt.
Berlin als Startup-Hauptstadt Europas
Die Zahlen sprechen für sich: Berlin ist seit Jahren einer der attraktivsten Standorte für Technologieunternehmen in Europa. Mehr als 600 aktive Startups haben hier ihren Sitz, Risikokapital fließt in Milliardenhöhe in die Stadt, und internationale Talente aus Tel Aviv, Bangalore und São Paulo landen mit dem Koffer am Schönefeld und suchen als Erstes eine WG in Neukölln oder Friedrichshain.
Diese Zuzüge sind kein Zufall. Berlins Ruf als offene, kreative und vergleichsweise bezahlbare Metropole – zumindest im europäischen Vergleich – hat die Stadt zur Wahl-Heimat für Menschen gemacht, die Ideen in Unternehmen verwandeln wollen. Und die bringen nicht nur Laptops und Pitch-Decks mit, sondern auch Geschmäcker, Gewohnheiten und Weltanschauungen, die sich in der Stadt niederschlagen.
Food-Startups: Berliner Küche neu gedacht
Besonders sichtbar wird dieser Wandel in der Gastronomieszene. Berlins Esskultur war lange Zeit keine, die man mit Raffinesse in Verbindung brachte – Currywurst, Bulette, Schrippe. Deftig, direkt, günstig. Doch eine neue Generation von Food-Gründerinnen und -Gründern nimmt genau diese Grundzutaten und stellt sie auf den Kopf.
Da ist zum Beispiel ein junges Team aus Mitte, das Berliner Sauerteigbrot mit lokalen Getreidesorten aus Brandenburg backt und dabei eng mit Landwirtschaftsbetrieben in der Region kooperiert. Oder ein Neuköllner Startup, das Currywurst in veganer Form neu interpretiert – und dabei nicht auf den Authentizitätsanspruch verzichtet, sondern ihn neu definiert. "Authentisch bedeutet für uns nicht, alles so zu lassen wie es war", sagt eine der Gründerinnen. "Authentisch bedeutet, ehrlich zu sein – zu den Zutaten, zur Geschichte des Gerichts und zu den Menschen, die es essen."
Solche Haltungen polarisieren. Für manche Berlinerinnen und Berliner ist das Erneuerung, die gut tut. Für andere klingt es nach Übernahme – als würde eine Szene, die wenig mit der gewachsenen Stadtkultur zu tun hat, einfach das Erbe der Stadt umschreiben.
Tech-Labs in alten Fabrikhallen
Nicht nur die Teller verändern sich – auch die Räume. Kreuzberg und Prenzlauer Berg sind voll von ehemaligen Industriegebäuden, die heute als Co-Working-Spaces, Inkubatoren und Innovationslabore genutzt werden. Das bekannteste Beispiel ist wohl das EUREF-Campus in Schöneberg oder das Factory Berlin in Mitte – Orte, an denen täglich Hunderte von Menschen an Ideen arbeiten, die die Welt verbessern sollen.
Was dabei oft übersehen wird: Diese Räume haben Geschichte. Die Fabrikhalle in Kreuzberg, in der heute Programmiererinnen und Programmierer sitzen, war vielleicht vor dreißig Jahren noch ein Metallbetrieb, dessen Arbeiter in der Kneipe nebenan ihr Feierabendbier tranken. Das ist nicht nur Nostalgie – es ist eine Frage von Kontinuität und Respekt. Wer profitiert, wenn ein Kiez sich wandelt? Wer kann sich die neuen Mieten noch leisten? Wer wird unsichtbar?
Spannungsfeld: Authentizität gegen Fortschritt
Diese Fragen stellen sich nicht nur Stadtsoziologinnen und -soziologen, sondern zunehmend auch die Gründerinnen und Gründer selbst. Eine wachsende Zahl von Berliner Startups versucht aktiv, Teil des Kiezes zu werden – nicht nur Fläche zu mieten, sondern Verantwortung zu übernehmen. Manche kooperieren mit lokalen Vereinen, andere bieten Ausbildungsplätze für Jugendliche aus der Nachbarschaft an oder öffnen ihre Räume für Nachbarschaftsinitiativen.
Das ist kein Selbstläufer. Zwischen dem Tempo der Startup-Welt – schnell skalieren, schnell wachsen, schnell umziehen – und dem langsamen Rhythmus eines gewachsenen Kiezes klafft oft eine Lücke, die schwer zu überbrücken ist. "Wir sind nicht hierher gekommen, um etwas zu zerstören", sagt ein Gründer aus Prenzlauer Berg, der ursprünglich aus Stockholm stammt. "Aber ich verstehe, dass das nicht reicht. Man muss aktiv zuhören."
Was bleibt vom alten Berlin?
Die ehrliche Antwort lautet: vieles. Berlin ist eine Stadt, die sich seit Jahrhunderten im Wandel befindet – durch Kriege, Teilung, Wiedervereinigung, Gentrifizierung. Die Currywurst gibt es noch immer, auch wenn sie heute manchmal aus Blumenkohl besteht. Die Eckkneipe existiert noch, auch wenn nebenan ein Bubble-Tea-Laden aufgemacht hat. Und der Gemüsehändler, der jeden beim Namen kennt? Der ist vielleicht auch ein bisschen Startup – er verkauft jetzt auch online.
Berlin war noch nie eine Stadt, die stillstand. Die Gründerinnen und Gründer, die heute hier leben und arbeiten, sind Teil dieser langen Geschichte des Wandels. Ob sie die Stadt bereichern oder verändern – meistens tun sie beides gleichzeitig. Und genau das macht Berlin aus: Es ist nie fertig. Es ist immer im Werden. Und das, bei aller Reibung, ist vielleicht das Echteste, was man über diese Stadt sagen kann.